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"Im Exfreundemuseum"
Berliner Zeitung vom 15./16.03.2007:
Die Kerze wird ausgepustet und weggeräumt vom Café-Tisch, das hat sich nämlich irgendwie gerade ganz falsch angefühlt. Zu sehr nach: Wenn man denkt, es geht nicht mehr, kommt von irgendwo ein Lichtlein her. Aber auf einen derart idyllischen Trost wollen die Berliner Filmemacherinnen Jana Matthes und Andrea Schramm jetzt bestimmt nicht hinaus. Denn für ihre Fernseh-Dokumentation haben sie seit Anfang des Jahres per Zeitungsannonce nach Menschen gesucht, die in der akuten Phase ihres Liebeskummers stecken und noch keine rechte Hoffnung auf Besserung dieses schmerzlichen Zustandes hegen.
Jana Matthes, 41, und Andrea Schramm, 39, lernten sich 1988 kennen, als beide ein Journalistikstudium in Leipzig aufnahmen; zusammen haben sie sich dann auch an der Hochschule für Film und Fernsehen Potsdam-Babelsberg im Nebenfach Dokumentarfilmregie eingeschrieben. Eigentlich arbeiten sie also seit fast zwei Jahrzehnten zusammen. In dieser Zeit sind Filme entstanden wie "Gnadenlos" (2001) über ein Anti-Gewalt-Training im Jugendknast, ausgezeichnet mit dem Discovery-Channel-Award, "Kopftuch und Minirock" (1998) widmete sich jungen Türkinnen zwischen Koran und Karriere, "Die letzte Reise" (2002) begleitete einen Menschen vom Augenblick des Sterbens bis unter die Erde. Im letzten Jahr haben sie den Deutschen Fernsehpreis in der Kategorie "Beste Dokumentation" erhalten - für "Im Schatten der Blutrache", worin erzählt wird, wie ein Kurde in Deutschland erschossen wird und seine Familie danach an der brutalen Tat zerbricht.
Brüche in Biografien sind es, die die beiden interessieren, Menschen an Wendepunkten ihres Lebens, die sie in ihrem Alltag beobachten. Oft arbeiten Jana Matthes und Andrea Schramm für das ZDF-Format "37 Grad", so auch bei der halbstündigen Trennungsschmerz-Reportage, mit deren Dreharbeiten sie nach Abschluss des Protagonisten-Castings gerade begonnen haben; im Herbst soll sie gesendet werden.
"Liebeskummer? Krank vor Sehnsucht?" Im Januar setzten sie ihre Kleinanzeige auf bei Tip, Zitty, Abendblatt, Berliner Zeitung, schalteten Hinweise in Internetforen wie www.liebeskummerpillen.de. Rund fünfzig Betroffene antworteten in den nächsten Wochen; aus Berlin waren es nicht besonders viele. Wenn man den legendären Mitteilungsdrang der Eingeborenen bedenkt, verwundert das ein bisschen - aber die Menschen aus dem Ruhrgebiet seien in dieser Hinsicht wesentlich offener, erzählen die Autorinnen, das hätten sie bereits bei ihrem vorhergehenden Projekt "Weiblich, allein, um die 50, sucht ." festgestellt.
Manche von denen, die sich meldeten, waren schon zufrieden damit, mal jemanden zum Zuhören gefunden zu haben, ins Fernsehen wollten sie gar nicht. "Ich würde auch nicht unbedingt vor eine Kamera treten und über meinen Liebeskummer sprechen", gibt Andrea Schramm zu, "das ist ja doch sehr intim." Einige Anrufer hätten einen "extremen Rededruck" gehabt, der nach einer halben Stunde dann eben auch abgebaut gewesen sei. Einer wollte von der Frau am Apparat wissen, ob man nicht mal zusammen ausgehen könnte. Und ob sie selbst denn Liebeskummer habe? Nein. Sowohl Schramm wie auch Matthes bezeichnen sich jeweils als glücklich verliebt.
Mitunter machten die Erzählungen unvorhersehbare Schlenker. Es ging in den Telefonaten um Zurückweisungen nach einer Geschlechtsumwandlung, um Probleme mit einem spielsüchtigen Partner, um die Trauer darüber, nach der Trennung vom Partner das eigene Kind nicht mehr sehen zu dürfen. All das handelte ebenfalls von Sehnsucht und Verlust, vom Kummer mit der Liebe - doch es war eben auch wieder eine ganz andere Geschichte.
Dann haben sich die Filmemacherinnen für zwei Protagonisten entschieden.
Claudia ist Ende Zwanzig, wohnt in der Nähe von Essen und ist Lehrerin. Sehr schüchtern sei sie, sagen die beiden, es fiele ihr schwer, aus sich herauszugehen. Und dennoch will sie mutig sein, die "Heimlichtuerei" beenden: Alle sollen wissen, wie schlimm es um sie steht nach dem abrupten Aus. Dass sie sich fühlt wie jemand, der in einem tiefen Bunker sitzt, und alle haben vergessen, ihr zur Rettung ein Seil herunterzuwerfen.
Hans-Jürgen, ein arbeitsloser Lkw-Fahrer, ist 53 Jahre alt und lebt in Berlin. Er hat bei den Autorinnen und Regisseurinnen angerufen mit den Worten: "Sie ist meine große Liebe." Er ruft oft bei ihnen an seitdem, er ist einsam, nur ein einziger Kumpel ist ihm noch geblieben.
Claudia und Hans-Jürgen befinden sich, höchstwahrscheinlich wider besseren Wissens, noch in der "Hoffnungsphase", wie die Autorinnen es nennen. Vor allem bei Hans-Jürgen sei das so, der förmlich schwimme in seinem Schmerz: Er habe doch wirklich alles für seine Freundin getan - wie konnte sie ihn da trotzdem verlassen?
Claudia war nach dem Beziehungsende mehrere Monate lang krank geschrieben. Nun versucht sie, sich abzulenken, sie ist in einer Kung-Fu-Gruppe, zeichnet Stressmännchen, fertigt Fotocollagen an. Ihr Freund hatte sich Knall auf Fall von ihr getrennt - noch wenige Tage vorher, sagt Claudia, hätten sie Zukunftspläne geschmiedet, alles sei doch in Ordnung gewesen. Eigentlich. Auch davon will dieser Film erzählen: wie man etwas partout nicht wahrhaben will. Oder wie man andererseits glaubt, etwas längst deutlich geäußert zu haben.
"Frauen analysieren mehr", findet Andrea Schramm, "sie suchen die Schuld eher bei sich als Männer." Jana Matthes entgegnet: "Frauen glauben viel zu oft, dass widrige äußere Umstände die Trennung verursacht haben, dass der Mann noch tiefe Gefühle für sie hegt." Und Männer belügen vielleicht eher die anderen als sich selbst.
In neueren medizinischen Forschungen konnte festgestellt werden, dass die Verzweiflung, die Trauer darüber, verlassen worden zu sein, den neuronalen Mustern im Gehirn gleicht, die bei Schmerzen durch Verletzungen auftreten. Liebeskummer vermag also durchaus körperlich weh zu tun. Nur werde das im Alltag überhaupt nicht als Krankheit anerkannt, die einer schweren Depression gleiche, so Jana Matthes: "Alle sagen immer nur, das wird schon wieder."
Viele Menschen können sich über eigenen oder fremden Liebeskummer nur mühsam verständigen - filmische Bilder für das Unsichtbare, die seelischen Zustände der Erstarrung und Verzweiflung zu finden, ist da noch schwieriger. Für das Gegenteil von Liebeskummer, die Liebe, gibt es unendlich viele Visualisierungen. Die meisten jedoch, wie die von roten Rosen und blinkenden Herzchen, sind derart abgenutzt, dass es die beiden Autorinnen schon schaudert, wenn sie nur daran denken. Bloß nichts, was Klischee ist, was an Kitsch erinnert! Jana Matthes und Andrea Schramm warten stattdessen geduldig ab, halten sich zurück, um individuell aussagekräftige und zugleich allgemein lesbare Situationen zu filmen.
Gerade haben sie Claudia in ihrer Wohnung besucht, die sie selbst ein "Exfreundmuseum" nennt: Nichts von ihm ist weggeräumt worden in den letzten Monaten, weder die CDs noch die Kleidung. Und jeden Morgen zieht Claudia wieder den Bademantel ihres Verflossenen an, hüllt sich hingebungsvoll in den Rest von seinem Geruch, der sich noch nicht aus dem Frottee verflüchtigt hat.
Hans-Jürgen haben die beiden beim einsamen Spaziergang im Park gefilmt - als er die Enten auf dem Teich immer wieder in das zu dünne Eis einbrechen sah. Ein solches Bild kommt ohne Text aus.
Bis in den Sommer hinein wollen Jana Matthes und Andrea Schramm ihre Protagonisten begleiten, auch der Wechsel der Jahreszeiten wird deshalb nebenbei eine Rolle spielen. Der Winter sei ja insgesamt eine Zeit der Stagnation, finden die Zwei. Vielleicht wird deshalb auch manches besser und heller werden, wenn der Frühling endlich kommt. Nicht nur das Wetter.
Carmen Böker
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