"Gieriger Freund"



Süddeutsche Zeitung vom 26.6.97:
Zwei Unternehmerkarrieren: eine, die steil nach oben geht, und eine, die unaufhaltsam in den Konkurs hinuntertrudelt. Der Hans im Glück hat sich vom Fensterputzer zum Chef einer Gebäudereinigungsfirma hochgearbeitet –die männliche Pechmarie heißt– Ironie des Schicksals – Glanz und hat sich mit einer Abrißfirma übernommen.
Es ist immer wieder überraschend, welche Einblicke in die Wirklichkeit die ZDF-Reihe 37 Grad zu bieten hat, mit welcher Ökonomie manche Autoren dies halbe Stündchen nutzen. Wie Jana Matthes und Andrea Schramm, die zwei Unternehmerpersönlichkeiten porträtieren und so mehr über die Bedingungen von Erfolg und Mißerfolg enthüllen als manche umfangreiche Wirtschaftsanalyse. Schon an der Körpersprache ist es zu erkennen: Erfolg ist eine Sache des aggressiven Glaubens an die eigene Aufstiegsfähigkeit – der miese Charakter kommt dann ganz von selbst. Glanz, der Gestrauchelte, hat einen zu menschlichen Schimmer in den Augen, um im Dschungel des Kapitalismus zu überleben. "Wenn alle so ehrlich und fair wären wie Glanz", sagt Matttner spöttisch, "hätten wir wieder den Sozialismus."
Denn Mattner mit seinen gierig funkelnden Augen hat begriffen: "Wenn einer seine Schulden bei mir nicht zahlt, hilft nur ein osteuropäisches Inkassobüro, also die Russenmafia. Und dann gibt's mal kurz een uff de Nuss."
Wenn so ein Gewinnertyp wie Mattner einem Verlierertyp wie Glanz mit einer Bürgschaft unter die Arme greift, kann jeder –außer dem Verlierertyp– erkennen, wie schlimm das enden wird. Denn zum Erfolg gehört, daß man den Riecher dafür hat, wie sich aus dem drohenden Konkurs eines Unternehmers noch ein Vorteil für den eigenen Aufstieg ziehen läßt. So, wie es zum Misserfolg gehört, daß man nicht zwischen Freundschaft und Geschäft unterscheiden kann.
Nüchtern und dennoch mit Empathie beschrieben die Autorinnen den Weg nach oben und nach unten. Mattner, der seinen Grundbesitz abschreitet und säumige Angestellte am Telephon herunterputzt – Glanz, der wie betäubt in seiner ausgeräumten Firma steht und in defensiver Haltung am Telephon verhandelt.
"Was fehlt Ihnen in Ihrem Leben?" fragen die Autorinnen die Unternehmer. "Eigentlich Erfolg", sagt Glanz. "Ach, ein paar Haare", antwortet Mattner. Und macht sich gutgelaunt daran, auch beim Monopoly noch über Glanz zu siegen.


Sybille Simon-Zülch