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"Gehen Sie nicht über Los"
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.6.97:
"Ein dummes Spiel" stöhnt der Verlierer beim Monopoly, und der Gewinner lacht. Der eine hat sich finanziell übernommen und ist vom Pech verfolgt, der andere hat ordentlich kalkuliert und Glück gehabt. In dieser Schlussszene bündelten Jana Matthes und Andrea Schramm die Erkenntnisse ihrer Reportage "Das Leben ist ein Monopoly": Ob unternehmerisches Engagement glückt oder scheitert, hängt nicht nur von den Wechselfällen des Marktes ab, sondern außer von den objektiven Fähigkeiten auch wesentlich von der Geisteshaltung jedes einzelnen.
Diese Wahrheit wurde nicht ausgesprochen, dem Betrachter durch die Szenerie jedoch nahegelegt. Die Autorinnen hielten sich in ihrer Reportage mit eigenen Urteilen und Sympathien zurück. Damit entgingen sie den Fallstricken, die sie mit ihrem polarisierenden Thema selbst ausgelegt hatten: Aus der Gegenüberstellung von Erfolg und Mißerfolg mittelständischer Unternehmer in der Marktwirtschaft hätte sich leicht ein klischeehaftes Porträt skrupelloser Kapitalisten und derer, die ihnen nicht gewachsen sind, ergeben können mit dem Unterton, daß der Markt ein moralischer Dschungel sei.
Doch Jana Matthes und Andrea Schramm gingen differenzierter vor. Die zwei Persönlichkeiten, die sie für ihre Reportage auswählten, wurden keineswegs als Schablonen für Vorurteile mißbraucht. Sie entfalten sich vielmehr Stück für Stück, offenbaren ihr Denken und Handeln, ihre Träume, ihre Schwächen. Als Klammer, die vor klischeehafter Dialektik schützt, wirkt die Freundschaft zwischen den beiden. So bekam der Zuschauer zwei Charaktiere zu greifen, beide nicht unsympathisch und trotz ihrer unterschiedlichen Geschicke, Temperamente und Talente gar nicht so gegensätzlich: Sie sind Getriebene, gezogen vom "Drang, oben zu sein", wie es der eine der beiden Freunde ausdrückt.
Klaus Mattner, der Emporkömmling, war früher Fensterputzer und leitet heute ein Reinigungsunternehmen mit rund zweihundert Angestellten. Er schwimmt auf der Welle seiner Fortune ein sonniges, unkompliziertes und ein wenig unbedarftes Gemüt. Bruder Leichtfuß und Schauspieler, aber anspruchsvoll, zupackend und vernünftig im Geschäft. "Zuckerbrot und Peitsche„ brauche es im Umgang mit den Angestellten, verlangt er, klare Anweisungen und strikte Regeln. Hartherzig ist er nicht, aber er rechnet scharf: Seinem in Not geratenen Freund hilft er eine Weile mit Rat und Geld; als er dessen Unternehmen aber als "Fass ohne Boden" erkennt, steigt er wieder aus.
Mattners Ziel ist schlicht: Geld will er verdienen, reich werden. Seinen Wohlstand genießt er; er zeigt ihn mit unverhohlener und doch verschämter Begeisterung. "Es liegt doch in der Natur des Menschen, immer mehr zu wollen" ergänzt er, offensichtlich auf der Suche nach anderen Werten und doch dem Reiz des Geldes erlegen. Auch wenn sich Mattner den Mantel des harten Unternehmers und Materialisten selbst umhängt: ganz entspricht ihm dieses Bild nicht. Leben und genießen will er auch. Gefragt nach seinen Träumen und Zukunftsvorstellungen, sagt er: "In zehn Jahren will ich diesen ganzen Aufwand nicht mehr. Man muß nicht zu den Großen gehören, um glücklich zu sein."
Mattner kann sich solche Gedanken inzwischen leisten. Materielle Sorgen hat er nicht mehr, und so würde er sich von einer Fee auch kein Geld wünschen, sondern ein zweites Leben: "Hauptsache: Licht und Himmel", schwärmt er. Sein glückloser Freund Michael Glanz hingegen grübelt über den Sinn des Lebens, weil ihn seine Lage quält. Der Abrißunternehmer hat sich nach der Wende vor Aufträgen kaum retten können, doch heute bleiben die Orderhefte leer, es droht der Konkurs. Sein Haus ist verpfändet, das Auto verkauft und dennoch: "Die Firma ist das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe eigentlich nichts anderes." Selbst bedürftig geworden, würde er einem Bettler Geld zustecken Mattner hingegen nicht.
Glanz trauert seinen unverwirklichten Jugendträumen nach, hadert mit dem Markt, mit der Konkurrenz und der Korruption. Er klagt: "Heute läuft doch nichts mehr sauber ab. Man kann nichts werden, wenn man da nicht jemanden hat." Seine Bitternis ist nichts anderes als das Spiegelbild des Versagens. Glanz ist von des Gedanken Blässe angekränkelt und das treibt ihn immer tiefer in den Ruin. Doch nicht nur, daß der Charakter eines Menschen dessen Schicksal wesentlich bestimmt, arbeiten die Autorinnen in ihrem reizvollen psychologischen Porträt heraus. Sie lassen auch die Vermutung aufscheinen, daß die Verklammerung von Charakter und Geschick eine beidseitige ist mit der realistischen Konsequenz, daß sich ein einfaches Rezept für den Erfolg schlechthin nicht ableiten lässt.
Karen Horn
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