zurück...
|
"Ein Jahr mit Kamera in der Jugendanstalt"
Hamelner Tagesanzeiger:
Gespräch mit der Filmemacherin Andrea Schramm über ihre Dokumentation.
Hameln. Das Anti-Aggressivitäts-Training in der Jugendanstalt Hameln weckt bundesweit Interesse. Wobei immer die Frage auftaucht, wie und ob brutale Schläger therapierbar sind. Die Filmautorinnen Andrea Schramm und Jana Matthes durften ein Jahr lang mit Kameramann und Toningenieur das Training im Knast mitverfolgen. Herausgekommen sind neunzig Minuten Dokumentarfilm im Auftrag des Bayrischen und des WDR, gefördert vom Land Niedersachsen. Ulrike Truchseß sprach mit Regisseurin Andrea Schramm über ihren Film.
Wie sind sie als Dokumentarfilmerin eigentlich auf das Anti-Aggressivitäts-Training der Hamelner Jugendanstalt gestoßen?
Ich habe einen Zeitungsartikel darüber gelesen und war sofort neugierig. Mich hat interessiert, ob es tatsächlich möglich ist, Schwerverbrecher, also Menschen, die von der Gesellschaft abgeschrieben sind, wie der Therapeut Heilemann sagt, "auf die andere Seite zu ziehen".
Welche Schwierigkeiten ergaben sich für Sie vor und während der Aufnahmen?
Das Schwierigste für mich war, das Vertrauen der drei jugendlichen Straftäter zu gewinnen. Einer hat mir gleich gesagt, er habe in seinem Leben so viel Scheiße erlebt, dass er niemandem mehr vertrauen könne, nicht einmal mehr sich selbst und erst recht nicht mir. Als ich ihre Geschichten hörte, dachte ich, es ist nachvollziehbar, warum die so geworden sind. Und andererseits bin ich bei den Gesprächen zusammengezuckt, weil mir bewußt wurde, dass mein Gegenüber fast jemanden umgebracht hätte. Und mich zwischen Verständnis und Ablehnung zu bewegen, war sehr schwierig. Ich hab ja auch mit Opfern gesprochen. Als Filmemacherin stand ich zwischen diesen Polen. Ich versuche in dem Film, den Zuschauer auf diese Gratwanderung mitzunehmen, Vorurteile und Klischees zu durchbrechen.
Wie reagierten die Insassen auf Sie und Ihr Team?
Am Anfang haben die gedacht, naja, die kommen ein- oder zweimal und gehen und werden nichts erfahren. Aber ich glaube im Verlauf dieses einen Jahres haben sie sich geöffnet und mir sehr viel erzählt. Und vor einigen Wochen habe ich Briefe bekommen, daß wir zu den wenigen gehörten, die so lange zugehört und versucht hätten, sie zu verstehen.
Welche Schwierigkeiten gab es bei der Vermarktung dieses Films?
Einige Fernsehsender und Fördergremien haben gesagt, "Ach Knast-Filme, da gibt´s doch schon so viele!" Da gibt´s die Filme, die versuchen zu beweisen, daß die Täter die Opfer sind. Und dann das Gegenteil, Berichte in den Boulevardmedien von blutrünstigen Gewaltverbrechern, die man wegschließen muß oder am besten per Todesstrafe aus der Welt schaffen sollte. Wir wollten einen Film machen, der sich in einer ganz persönlichen Art vorurteilsfrei den Tätern nähert, und trotzdem nichts von dem entschuldigt, was sie gemacht haben.
Ist das Anti-Aggressivitäts-Training eine Täter-Therapie oder auch Opfer-Arbeit?
Der Psychologe sagt, es ist die Arbeit am Täter für das Opfer. Vielleicht sogar in erster Linie. Und ich denke das stimmt. Wenn ein Täter nicht mehr zuschlägt, wird es keine neuen Opfer geben. Außerdem konfrontiert der Therapeut die Täter auch direkt mit ihrer Tat und ihren Opfern.
Worum ging es ihnen in dem Film, um die Täterstorry oder um das Therapieprojekt?
Wir haben in unserem Film die persönlichen Geschichten von drei Tätern und ihrem Therapeuten erzählt. Wir wollten wissen, ob diese drei es in dem einem Jahr schaffen, ihr Leben zu verändern oder nicht. Einer von ihnen ist auf der Strecke geblieben.
Ein Jahr Filmarbeit in Hameln sehen sie den Knast jetzt mit anderen Augen?
Ich glaube, daß "wegschließen" ohne Therapien nichts bringt. Die Täter kommen wieder raus und sind gewalttätiger als vorher. Der Hamelner Jugendknast hat den Film unterstützt. Ich habe mit Vollzugsbeamten und auch dem Leiter, Herrn Eger, gesprochen. Aber ich merke auch, wie ein engagierter Psychologe wie Heilemann, der sich nicht anpaßt und in meinen Augen charismatisch ist, an die Grenzen der Justiz stößt.
Sie haben eben schon das Wort Charisma gebracht. Wie wirkte das Therapeutenteam auf sie?
Michael Heilemann ist in meinen Augen ein ungewöhnlicher Psychologe, der auch die Sprache der Jugendlichen spricht. Er provoziert die Täter, bringt sie an ihre Grenzen. Man sieht im Film, daß er dadurch sehr nah an die Straftäter rankommt, sie aufbricht und Erfolge erzielt.
Hat er nachhaltige Erfolge?
Ich habe einen der Täter kurz nach der Therapie gefragt, ob er jetzt nicht mehr zuschlagen wird. Er hat mir gesagt, daß ich ihm diese Frage in zwanzig Jahren nochmal stellen soll.
Welche Bedeutung hat es für Sie, daß der Film auf dem European Filmmarkt im Rahmenprogramm der Berlinale lief?
Er lief nicht im Hauptprogramm, aber immerhin ist es ein Erfolg, daß der Film in verschiedenen Kinos gezeigt wird. Am 24. Februar läuft er im Fernsehen des Bayrischen Rundfunks. Und wie die Reaktionen bisher zeigten, löst er viele Diskussionen aus. Die Gespräche danach sind oft länger als der Film.
Das Gespräch führte Ulrike Truchseß
|